| Harry´s Bar |
Es ist kurz nach Mitternacht. Der Zug heißt Remus und der Schlafwagenschaffner versteht überhaupt nicht, warum ich unbedingt eine Steckdose brauche. Aber ich bin nicht müde und der Akku meines Laptops ist einfach leer. Ich habe unglaubliche 2.800 Schilling für ein Schlafwagenabteil bezahlt, weil ich noch gerne arbeiten will und dafür eine Steckdose brauche. Es fällt mir nicht leicht eine Institution anzugreifen und gleichzeitig weiß ich natürlich auch, daß es wenig ändern wird. Aber alles muß man sich doch nicht gefallen lassen. Glauben Sie's oder glauben Sie's nicht, ich mußte in Venedig bleiben, weil die Eisenbahner gestreikt haben. Und ich war zuerst gar nicht böse, denn was kann denn schöner sein, als bei Do Mori die erste Ombra ohne Touristen zu genießen und in Venedig spazieren zu gehen, ohne geschoben zu werden. Also gehe ich in dieser Nachsaison zum Cipriani zum Abendessen.
Für nicht Venedigkundige: Cipriani ist die Gründerfamilie der berühmten Harry's Bar. Immerhin kommen von Opapa Cipriani so berühmte Erfindungen kulinarischer Art wie der Bellini oder das Carpaccio. Angeblich war nicht nur Hemingway Stammgast. .
Auch der Autor dieser Zeilen ist als Venedig-Freak trotz der exorbitanten Preise immer wieder gerne Gast gewesen. Genug ist aber manchmal wirklich genug. Also begab es sich, daß ich mich zu einem Pärchen aus Chicago setzte, was sofort den Unmut des Kellners auslöste, weil er mir doch einen Tisch im ersten Stock anbot und dieser Tisch im Erdgeschoß ab acht reserviert sei. Mir war der Doktor aus den Staaten und seine Frau sympathisch, und ich lud die beiden zum Dinner ein. Dr. Ed Mehan hatte kein Problem ganz Venedig zu erobern. Mit all diesen vielen Stufen und den unzähligen Brücken. Er hat kein Problem mit dem Vaporetto zu fahren, all diese Hürden nimmt er locker. Aber in Harry's Bar ist er nicht wirklich willkommen. Denn Ed sitzt im Rollstuhl. Ich dachte, man könnte die Leute, die reserviert haben bitten, doch den Tisch im ersten Stock zu nehmen oder mir einfach helfen, Ed hinaufzuhieven. War gar nicht nötig, wir wurden einfach einen Tisch weiter verfrachtet. Der war nicht wirkllich anders nur eben nicht reserviert. An den, ach so wichtig resevierten, Tisch setzten sich dann zwei amerikanische Pärchen, mit denen wir im Verlauf des Abends noch viel Spaß haben sollten. Wie auch immer, wir hatten unseren Tisch. Als Italien-Freak versuchte ich nun für uns drei einen gemichten Antipasti-Teller zu bestellen, um den beiden die Vorspeisenkultur Italiens zu zeigen. Das wäre ziemlich sicher in jedem Lokal in Venedig möglich gewesen. Wahrscheinlich sogar in jeder Pizzeria Wiens oder Amerikas. Nicht so in Harry's Bar. Der Kellner verwies uns auf eine Zeile in der Karte, die ich zugegebenermaßen nicht beachtete, sondern den zweiten und dritten Gang orderte. Worauf er meinte, daß wir das wohl kaum essen könnten und den Fisch, der immerhin um die 400,- Schilling pro Person gekostet hätte, einfach nicht aufnahm. Als die vermeintlichen Vorspeisen-Teller kamen, wußten wir auch warum. Schweinskotelett mit Miniaturen von Erdäpfelpürree, Fisolen und Maggifix-Sauce. Das Fleisch zäh, der Rest zerkocht und geschmacklos. Wie man bei Antipasti auf Schweinskotelett kommen kann wird wohl ein ewiges Geheimnis bleiben. Zum Barbera von Giacomo Bologna, der für satte 1000 Schilling zu haben war, erlaubte ich mir zu fragen, ob es denn ein wenig größere Gläser gäbe, da in den winzigen Gläsern der tolle fruchtige Duft nicht zur Geltung käme. Nun das sei der Stil des Hauses, wurde mir erklärt und als ich dann mein Wasserglas leerte und den Wein in dieses fast doppelt so große Glas umschenkte war ich für Herrn Cipriani offenbar zum enfant terrible geworden. Jedenfalls ignorierte man unseren Wunsch die Weinkarte nochmals zu bringen, um zur Hauptspeise einen anderen Wein wählen zu können. Stattdessen meinte der Chef des Hauses, daß wir die Rechnung nicht bezahlen müssten. Etwas verwirrt genossen wir wirklich hervorragende Pasta mit Shrimps und ein perfektes Risotto nach Art des Hauses ohne Getränke. Ed wird mich wohl in Wien besuchen müssen, um endlich gute Antipasti zu bekommen.(hk) |
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